Aufbau der digitalen Infrastruktur Europas: Von politischen Ambitionen zur infrastrukturellen Realität

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Europas Ambitionen im Bereich KI und Daten sind nur so stark wie die physische Infrastruktur, die dahintersteht. Während der Kontinent daran arbeitet, seine digitale Souveränität zu behaupten, kommt dem Ingenieurwesen eine entscheidende Rolle zu – und ein enges Zeitfenster, in dem es handeln muss. Prof. Dr. Andrew Pidgeon, Chief Innovation Officer bei Dorsch Global, erklärt warum.

Europe's digital landscape
Engineering Europe's Digital Backbone: From Policy Ambition to Infrastructure Reality

Die Zukunft der digitalen Landschaft Europas wird derzeit in den politischen Kammern Brüssels diskutiert. Das Ergebnis wird jedoch in Umspannwerken, Rechenzentren, Übertragungskorridoren und Ingenieurbüros entschieden. Das Spannungsfeld zwischen strategischer Absicht und konkreter Umsetzung steht im Mittelpunkt einer Debatte, an der ich in den vergangenen Monaten aktiv beteiligt war – im Rahmen meiner Arbeit mit dem Verband der Europäischen Ingenieurberatungsunternehmen (EFCA) und in direktem Austausch mit der Europäischen Kommission.

Im November 2025 hielt ich zusammen mit Mihai Barcanescu, Portfoliomanager des EFCA-Sekretariats, einen Vortrag vor Vertretern der Energie- und Sicherheitsabteilungen der Europäischen Kommission. Der Schwerpunkt lag auf den strukturellen Risiken für das europäische IKT-Ökosystem und den technischen Maßnahmen, die zur Stärkung seiner Widerstandsfähigkeit erforderlich sind. Die Diskussion stützte sich direkt auf den EFCA-Bericht „Future Trends Report – The Resilience of the European ICT System” (Zukunftstrends 2025 – Die Widerstandsfähigkeit des europäischen IKT-Systems), an dem ich als technischer Autor mitgewirkt habe und der unter der Schirmherrschaft der European Federation of Engineering Consultancy Associations (Europäische Föderation der Ingenieurberatungsverbände) erstellt wurde. Die Kernaussage des Berichts ist eindeutig: Die digitalen Ambitionen Europas können ohne ebenso ambitionierte Investitionen in die Unterstützung kritischer Infrastrukturen nicht verwirklicht werden.

Am 10. März werde ich auf Einladung der Europäischen Kommission nach Brüssel zurückkehren, um die Ergebnisse des Berichts persönlich vorzustellen und die Investitionswege, strukturellen Mechanismen und technischen Umsetzungskapazitäten, die zur Beschleunigung des Fortschritts erforderlich sind, näher zu erläutern.

Kontext und Analyse

Künstliche Intelligenz, Hochleistungsrechnen, souveräne Cloud-Infrastrukturen und sichere Finanzplattformen werden zunehmend als kritische Infrastrukturschichten anerkannt. Die Resilienz dieser Systeme hängt jedoch vollständig von den physischen Umgebungen ab, in denen sie betrieben und mit Energie versorgt werden – und diese befinden sich derzeit noch weitgehend außerhalb der Europäischen Union.

Der EFCA-Bericht identifiziert eine Reihe sich gegenseitig verstärkender Schwachstellen: Energieabhängigkeit, die geografische Konzentration von Rechenkapazitäten, fragmentierte Regulierungsrahmen sowie die wachsende Lücke bei Ingenieur- und Digitalkompetenzen. Dies sind keine abstrakten Risiken. Sie stellen strukturelle Hemmnisse für Europas Fähigkeit dar, wettbewerbsfähig zu bleiben, zu gestalten und sich anzupassen.

Deutschland und der europäische Ingenieursektor insgesamt verfügen über die industrielle Tiefe, die regulatorische Reife und die technische Expertise, um diese Lücken zu schließen. Die Kompetenz ist vorhanden. Was bisher fehlt, ist ein koordinierter, europaweiter Mechanismus, um diese Kompetenz in großem Maßstab zu nutzen.

Wie ich es in der Sitzung der Kommission formulierte:

Digitale Souveränität wird nicht allein durch Daten erreicht – sie wird in kritische Infrastrukturen eingebaut: Energiesysteme, Kommunikationsnetze, bauliche Anlagen sowie Sicherheits- und Governance-Strukturen und die Kompetenzen, die künftige Generationen tragen müssen. Europas Chance liegt darin, das gesamte System zu gestalten – nicht nur die Software oder die Endnutzerelemente der IKT.

Prof. Dr. Andrew Pidgeon

Von der Herausforderung zur Umsetzung

Die EFCA-Erkenntnisse verweisen auf fünf miteinander verknüpfte Infrastrukturbereiche, in denen europäisches Handeln am dringendsten geboten ist: KI- und Rechenzentrumsökosysteme; Finanz- und digitale Transaktionsinfrastrukturen; Smart-Grid- und Energiesystemintegration; sektorübergreifendes Systems-of-Systems-Engineering sowie Kompetenzentwicklung. Fortschritte in jedem dieser Bereiche erfordern koordinierte Finanzierungsrahmen, vereinfachte Genehmigungsverfahren und langfristige öffentlich-private Programmpipelines.

Politische Rahmenbedingungen wie der EU AI Act, der European Chips Act und die sich weiterentwickelnde Daten-Governance-Regulierung schaffen Orientierung. Doch Orientierung allein ist nicht ausreichend.

Politik schafft Richtung, Ingenieurwesen schafft Wirklichkeit. Der Wettbewerbsvorteil liegt darin, beides frühzeitig, systematisch und konstruktiv miteinander zu verbinden.

Prof. Dr. Andrew Pidgeon, Chief Innovation Officer, Dorsch Global 

Unsere Fachgebiete und Kompetenzen

Die multidisziplinären Kompetenzen von Dorsch Europe erstrecken sich genau über jenen Schnittpunkt, an dem diese Herausforderung gelöst werden muss: Energie, Verkehr, digitale Infrastruktur, Stadtentwicklung und Umweltsysteme. Wir liefern bereits die Art integrierter, resilienzorientierter Planungsleistungen, die Europas Agenda für digitale Infrastrukturen erfordert – von klimaresilientem Masterplanning über Netzintegration bis hin zu lebenszyklusorientierten Ingenieurmethoden.

Unsere Leistungsfelder umfassen:

  • Masterplanung resilienter Rechenzentrumscluster mit Integration in erneuerbare und flexible Energiesysteme
  • Modellierung der Klimaresilienz und Optimierung der Kühlung
  • Sichere Infrastrukturumgebungen für Finanzplattformen und redundante verteilte Architekturen
  • Co-Design von Energie- und digitaler Infrastruktur, einschließlich Speicher-, Flexibilitäts- und Backup-Systemen
  • Digitale Zwillinge für die Ausfallsicherheitsplanung und „Resilience-by-Design”-Frameworks für den Lebenszyklus

Die Position Deutschlands als potenzieller Standort für resiliente KI-Computing-Cluster und als führendes Land bei der Gestaltung klimafreundlicher digitaler Infrastruktur ist gut begründet. Um dieses Potenzial auszuschöpfen, sind jedoch Engineering-Partner erforderlich, die in der Lage sind, die Lücke zwischen Strategie und skalierbarer Umsetzung zu schließen.

Fazit

Der EFCA-Bericht 2025 beschreibt Europas Herausforderung im Bereich der IKT-Resilienz als zugleich sicherheitspolitisches Gebot, wirtschaftliches Wettbewerbsinstrument, klimaadaptive Notwendigkeit und generationelle Chance für das Ingenieurwesen. Ich halte diese Einordnung für zutreffend – und bin überzeugt, dass die Antwort der Ingenieurbranche darauf bestimmen wird, welche Relevanz wir für europäische Entscheidungsträger im kommenden Jahrzehnt haben werden.

Das Engagement von Dorsch Global mit der Europäischen Kommission zu dieser Agenda ist kein Zufall. Es spiegelt eine bewusste Positionierung wider: präsent zu sein, wo Infrastrukturpolitik gestaltet wird – und sicherzustellen, dass die Fähigkeit zur ingenieurmäßigen Umsetzung von Anfang an Teil der Debatte ist.

Resilienz ist kein abstraktes Konzept. Sie ist eingebettet in die Art und Weise, wie wir Infrastruktur planen, mit Energie versorgen, vernetzen und betreiben. Europas nächstes Kapitel wird von jenen geschrieben, die diese Schichten kohärent und konsequent zusammenführen können.

Prof. Dr. Andrew Pidgeon

Strategische Abhängigkeiten zu reduzieren bedeutet keine Abschottung, es bedeutet, Infrastrukturen zu gestalten, die Flexibilität, Kontrolle und langfristige Resilienz bieten. Wir sind bereit und in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen.

Referenz zum Bericht

EFCA 2025 Future Trends Report: The Resilience of the European ICT System

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